Herder-TB #1048 (1983) von Claudia Lenel (*1953),
Studium der Sinologie in Hamburg. Oriental Studies on the University of
Arizona, Tucson, USA. 1973/74 Aufenthalt in Kyoto, Japan. Forschungsstipendium
der Universität Kyoto für Religionsphilosophie.
533) S.43 Wer die Eigen-Kraft ganz losgelassen hat, weil er erfuhr, daß
eigene Leistung niemals Grund seines Da-seins sein kann, ist bereit, auch
sein eigenes Böses wahrzunehmen, weil er ganz allein auf
die Kraft Amidas vertraut und den Namen Amidas nur noch aus Dank, ganz umsonst,
ausspricht. Und eben so wird er in die Mitte des Reinen Landes hineingeboren.
534) S.47 Lassen wir uns auf das Bild des Reinen Landes (jo-do) ein, so
ist der sprachliche Ausdruck nur Hinweis auf eine Wirklichkeit, die nicht
als ein jenseitiges Paradies im Gegensatz zu dieser schmutzigen
Welt steht. Dieses Reich höchster Glückseligkeit,
das Amida Buddha als Großkönig regiert, scheint so
unermeßlich weit entfernt - und doch reicht es eben an
meinen Ort hier, ist es nichts anderes als mein All-tag.
535) S.90 Diese beiden Fragen kreisen um Leben und Tod. Im wirklichen Horchen
wird der Betroffene bis auf den Grund kommen. Dort, ganz unten, kann er
die Antwort, den einen Ruf, in dem Leben und Tod aufgehoben sind, hören.
So lange muß der Aufgebrochene horchen, bis er im Abgrund, den er
auf dem mühsamen Weg immer stärker erfährt, das Grund-Gelübde
hören kann. Erleichtert kann er loslassen, weil er vernimmt, daß
alles umsonst ist, daß jeder Schritt seines Gehens zum Licht, zu Amida,
Ankunft des grenzenlosen Lichtes bei ihm ist, daß nicht er geht, sondern
Amida kommt.
536) S.99 Im Nembutsu kommt die Zukunft (der Hineingeburt ins Reine Land)
als Gegenwart bei dem an, der sich nach ihr sehnt. Amida ist schon gegenwärtig
beim Lichtlos-Irrenden, und eben dies läßt jenen betroffen sein
von der Notwendigkeit Amidas; es weckt seine Sehnsucht, hineingeboren zu
werden in die Gegenwart des grenzenlosen Lichtes. Denn wenn auch sein Herz
schon im Reinen Land spielt, gehört es doch leibhaftig
noch nicht hinein und lebt immer noch in dieser Welt des Werdens
und Vergehens mit ihrer Abgründigkeit. ... Nur wer losläßt,
das Noch-nicht aushält, ist bereit, das Unfaßbare
kommen zu lassen, zu hören.
537) S.105 Der durch Amida Gelöste ist auf sein (wahres) Selbst hin
verändert worden. In der Begegnung mit dem Ganz Anderen als Nicht-Anderem
erfährt er seine wirkliche Identität. In und durch und mit diesem
Nicht-Anderen ist er selbständig, ohne daß er sich den Grund
zum Stehen erst unter die Füße scharren müßte. Selbständigkeit
gehört zur eigentlichen Natur des Menschen. Die Erde unter ihm gibt
ihm Grund zu stehen. Der Himmel über ihm gibt ihm Raum, aufrecht zu
sein. ... Er darf sich, aufgehoben in diesem Selbstverständnis, der
Sorge Amidas anvertrauen, alles eigene Sorgen und Planen kann er lassen.
538) S.107 Genza ist gelöst von sich und seinen eigenen Plänen
und Launen und damit frei für die grenzenlose Liebe Amidas. Er ist
befreit von der Enge seines berechnenden Herzens voller Begierden, frei
für die Wirk-lichkeit des Grund-Gelübdes. Wen Amida gewendet
hat, der ist eins mit der Anderen Kraft. Er entspricht ihr von selbst voll
Freude. Das Zeichen für Freiheit, Unabhängigkeit,
ji-yü sagt eben dies aus: vom Selbst her. Der so Umgekehrte
ist in die Weise des grenzenlosen Lichtes hineingenommen. Sein Leben ist
ein Tanzen.
539) S.124 Genza: Nur das von Oya Empfangene teil ich aus, Stück
für Stück, auch wenn ihr denkt, ich würd reden. Den
Genza macht Oya nur zu seinem Zwischenhändler. Ich selbst hab
überhaupt nichts, was ich sagen könnte.
540) Im Bewußtwerden der tiefen Bindung an Amida, in der Annahme und
Verwirklichung der Grund-beziehung, verwandelt sich das Leben. Wie das Eis
durch die Wärme der Sonne zu Wasser schmilzt, so wird in der unermeßlichen
Liebe Amidas eben das Böse in Gutes verwandelt.