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Rumi

Ich bin Wind und du bist Feuer

Leben und Werk des großen Mystikers

von Annemarie Schimmel

Diederichs Gelbe Reihe DG20 Islam (1990)

Maulana Dschelaleddin Rumi, auch Mevlânâ (= unser Herr) genannt (1207-1273), geboren als Muhammad Dschelaleddin in Balch, einer Stadt am nördl. Rande des afghanischen Zentralmassivs und Mittelpunkt Baktriens. Sein Vater, Baha’eddin Walad, war ein angesehener Theologe; er hat rätselhafte, faszinierende Aufzeichnungen über seine überwältigenden, oft schockierenden und in der Geschichte der islamischen Mystik wohl einzig dastehenden Visionen und Erlebnissen hinterlassen. Er vollzog mit seiner Familie die Pilgerfahrt nach Mekka und lebte einige Zeit in Syrien; dort scheint sein Sohn eine Zeitlang in Damaskus und Aleppo studiert zu haben. Anfang der zwanziger Jahre erreichte die Familie Rum in Zentralanatolien - daher der Beiname Rumi, unter dem Dschelaleddin später bekannt werden sollte. Hier heiratete er seine erste Frau, die wie er Flüchtling aus dem Osten war. 1226 wurde ihr erster Sohn geboren, genannt nach dem Großvater Sultan Walad. 1228 wurde Baha’eddin Walad in die Hauptstadt des Seldschukenreiches, Konya, berufen, um an einer der zahlreichen Medresen (Theologische Hochschule) Theologie zu lehren. Er starb im Januar 1231. Ein Jahr danach kam sein früherer Schüler, Burhaneddin Muhaqqiq aus Tirmidh, als Flüchtling nach Konya.
Bis zu dieser Zeit scheint sich Mevlânâ nur mit der äußeren Wissenschaft befaßt zu haben. Durch Burhaneddin wurde Rumi in die visionären Werke seines Vaters eingeweiht und lernte die Geheimnisse des mystischen Pfades unter dem strengen, asketischen Meister. Um 1240 verließ Burhaneddin Konya; er starb einige Zeit darauf in Caesarea. Ende Oktober 1244 traf Rumi Schamseddin von Täbriz, die „Sonne des Glaubens“ in Konya. Aber als Folge dieser Begegnung mit dem wandernden Derwisch, über dessen Herkunft man kaum etwas weiß, entzündete sich eine Flamme, die so intensiv wurde, daß Rumi für sechs Monate alles vernachlässigte. Die Beziehung zwischen den beiden Männern war so stark, daß sie später mit der mythischen Freundschaft von Gilgamesch und Enkidu verglichen wurde.
Man kann sich vorstellen, wie entsetzt die Konyaer Gesellschaft war, daß der verehrungswürdige Gelehrte seine religiösen, professoralen und sozialen Pflichten vernachlässigte und seine Zeit in der Gesellschaft dieses unmöglichen Derwisch, den er in einer Karawanserai gefunden hatte, zubrachte. Nach etwa zwei Jahren intensiver Zwiesprache fühlte Schams, daß er wohl besser die Stadt verlasse, ehe es zu Tätlichkeiten kam. Rumi war untröstlich. Er ergab sich völlig der Musik, dem Tanz und der Dichtung. Endlich, nach langen Monaten des Wartens, kam Nachricht aus Syrien: dort war Schamseddin. Sultan Walad, Rumis 21-jähriger Sohn, wurde mit Gold und Silber nach Syrien geschickt, um Schams zurückzuholen. Die Quellen, vor allem Sultan Walads eigenes Werk, schildern das Treffen der beiden Mystiker - wie sie sich umarmten und küßten und niemand wußte, wer der Liebende war und wer der Geliebte. Denn Liebe und Anziehung waren gegenseitig. ... Etwa 1248 verschwand Schams, um nie wiederzukehren. ... Inzwischen steht fest, daß Schams ermordet worden ist, ... woran Rumis jüngerer Sohn nicht unbeteiligt war. ... als dieser Sohn 1262 starb, nahm Rumi nicht an seinem Begräbnis teil. .... es war die geistige Begegnung zweier gereifter Männer, die eine unvergleichliche Flut ekstatischer Gedichte hervorbrachte und Dschelaleddin in unerhörte Verzückung emporriß. ... Die vollständige Identifizierung von Liebendem und Geliebtem war gelungen; Maulana und Schams waren für immer vereint.
Von Rumi inspiriert wurde der Orden der Mevlevi, der „Tanzenden Derwische“, von seinem Sohn institutionalisiert. Maulanas Tage und Nächte vergingen im Gottesdienst, Meditation, Unterweisung und wirbelndem Tanz. Man befragte den Meister immer noch um Rechtsgutachten, und es wird berichtet, daß er selbst im Wirbeltanz noch korrekte Urteile sprechen konnte. Vornehme und Geringe kamen zu ihm, ... allmächtige Minister mußten mehr als einmal an seiner Tür warten. Auch reiche Kaufleute gehörten zu Maulanas Anhängern; mancher von ihnen beschenkte die Teilnehmer am mystischen Reigen reichlich. Arme und in Not Geratene suchten Zuflucht an Maulanas Tür. Doch seine Zuneigung zu den Armen, oder zu „Gemüsehändlern und Fleischern“, besagte nicht, daß Rumi nicht Etikette und gutes Benehmen als unabdingbar empfand. Der unerzogene, ungebildete Dörfler wurde in seiner Dichtung zum Sinnbild der nafs, der Triebseele.
Es gab keine Zeit, da Dschelaleddin ohne mystische Inspiration war. Der Prozeß der großen mystischen Liebe wiederholte sich dreimal in seinem Leben und in den letzeten anderthalb Jahrzehnten wird Maulana zum Lehrer. Denn auf dem „absteigenden Bogen“ erreicht der Mystiker den höchsten Rang, in dem er sein Wissen den Schülern mitteilen kann und soll. Husameddin ibn Hasan Achi Turk gehörte zur Koyaner Mittelklasse. Schon Schams hatte den asketischen, fleißigen, freundlichen Jüngling gern gehabt, weil er sich durch völlige Beherrschung aller Regeln des Wohlverhaltens auszeichnete. Der Jünger folgte Maulana überall, in der Moschee, im Bad, in den Reigentänzen, um die verse niederzuschreiben, die plötzlich von seinen Lippen kamen.
Am 17. Dezember 1273 bei Sonnenuntergang entschlief Dschelaleddin, um mit der ewigen Sonne vereint zu werden; der Nachglanz seines Werkes aber blieb bis heute lebendig.
Husameddin übernahm die Leitung der Jüngergruppe; Sultan Walad, der gehorsame Sohn, überließ ihm den Ehrenplatz. Erst nach dessen Tod 1283 übernahm er die Leitung der Jüngergruppe, organisierte sie zu einem echten Orden und regelte die Tanzrituale.

438) S.9 (Nach den beiden Schlüsselerlebnissen Burhaneddin und Schams).. entstand das mystische Lehrgedicht, das Mathnawi, von rund 26ooo Versen und 36ooo Verse lyrischer Poesie. Dazu kommt eine Sammlung von Prosaschriften, Fihi ma Fihi, einige arabische Predigten und eine Anzahl von Briefen. Dschelaleddins Verse - bei uns zuerst von Rückert in freien deutschen Nachdichtungen bekanntgemacht (1819) - haben Dichter und Denker der islamischen Welt immer von neuem begeistert und inspiriert.
S.41 Das Mathnawi ist nicht systematisch aufgebaut; die Verse gleiten ineinander, Gedanken werden durch Wortassoziationen weitergesponnen, ... und das verwendete Rohmaterial kommt aus den verschiedensten Quellen. Für einen Großteil der Verse lassen sich Anspielungen auf Worte des Koran und auf prophetische Traditionen nachweisen; die gesamte Tradition der islamischen Mystik ist aufgegriffen; griechische und indische, persische und türkische Geschichten werden übernommen, Volkssagen, Heiligengeschichten dienen der Erbauung ebenso wie obszöne Anekdoten, die Rumi ungehemmt erzählt, denn: „Meine schmutzigen Witze sind keine schmutzigen Witze, sie sind Instruktion.“ Bald wird das Problem der Willensfreiheit und Vorherbestimmung diskutiert, bald die tiefsten Geheimnisse von Liebe und Gebet, und eine Erlebnisebene geht fast unmerklich in die andere über. ... man hat es mit Recht einem aus Tausenden von Fäden gedrehten Seil verglichen. Man kann die einzelnen Erzählungen herausnehmen und ohne jeden mystischen Sinn als amüsant erzählte Sammlung von Novellen oder Märchen veröffentlichen; man kann auch in jedem Vers tiefe mystische Weisheit entdecken. - Aber, das letzte Mysterium darf nicht offen ausgesprochen werden:

Des Freunds Geheimnis möge niemand lichten -
Du horche auf den Inhalt der Geschichten!
In Sagen, Märchen aus vergangnen Tagen
Läßt sich des Freunds Geheimnis besser sagen!

439) S.10 Die islamische Mystik war zunächst als hartes Asketentum in Ostpersien und dem heutigen Afghanistan aufgetreten - der Name Sufi deutet auf das Wollgewand (suf) der Asketen, wenngleich er später oft mit dem Wort safi = rein, verbunden wurde. Im 9.Jh. finden wir eine Reihe überragender Persönlichkeiten in Ägypten (Dhu’n-Nun †859) und im Irak (Rabi’a, die Liebesmystikerin), an die sich die lange, bis zu Dschunaid von Bagdad (†910) führende Kette derer schließt, die immer tiefer in das Geheimnis der göttlichen Einheit eindrangen, verfeinerte Methoden der Seelenerziehung entwickelten und über das Geheimnis der Liebe zwischen Gott und Mensch nachdachten. Im Iran spannt sich zur gleichen Zeit der Bogen von dem „Prediger der Hoffnung“, Yahya ibn Mu’adh (†872) zu dem einsamen Bayezid Bistami (†874), der wie dunkles Feuer in der nordpersischen Steppe leuchtet. In Halladsch erreichte die mystische Bewegung einen ersten Höhepunkt: dieser Mystiker, dessen Ausspruch „Ich bin die absolute Wahrheit“ zum geflügelten Wort zahlloser späterer Dichter wurde, erregte mit seinen Lehren den Zorn nicht nur der Orthodoxie und der Politiker, sondern auch der gemäßigten Mystiker. Seine ganz auf persönliche Aneignung der Gotteserfahrung angelegte Religiosität war zu fordernd für sie. Nach langem Prozeß wurde Halladsch 922 in Bagdad grausam hingerichtet und wurde so zum ersten mystischen Märtyrer des Islam, zum „Märtyrer der Gottesliebe“.

440) S.14 Konya, das alte Ikonium, war seit frühester Zeit ein wichtiges Kulturzentrum gewesen;... Der Platonismus lag im Vorderen Orient gewissermaßen in der Luft, so daß die spätere islamische Mystik weitgehend von neuplatonischen Gedanken durchzogen ist. So wird Plato auch in der Bildersprache Dschelaleddins zum großen Wunderarzt. Das antike Gordion liegt ebenfalls nicht allzufern von Konya; die Sage von „König Midas mit den Eselsohren“ lebte im Volk weiter, und wenn das Schilfrohr, dem der Vertraute des Königs dieses schreckliche Geheimnis anvertraut hatte, es später, als Rohrflöte, aller Welt erzählte, so liegt hier eine Wurzel des Eingangsgedichtes von Maulanas mystischem Lebenswerk, dem „Lied der Rohrflöte“ im Mathnawi.Noch wichtiger war Konya als Mittelpunkt des frühen Christentums. Wenn auch der Apostel Paulus aus der Stadt gejagt wurde, ist die Landschaft doch früh christianisiert worden. Wenige Tagereisen von Ikonium, in Kappadozien, lebten zunächst die großen mystischen Theologen der östlichen Christenheit, wie Gregor von Nyssa, Gregor von Nazianz und Basilius der Große, lebten später auch die Mönche in den seltsamen Höhlenklöstern von Göreme. Selbst zur Zeit Maulanas war die Bevölkerung der Konya-Ebene noch weitgehend christlich; wir wissen, daß der Mystiker freundschaftlich mit Mönchen und Priestern verkehrte, und manche seiner Verse lassen eine genauere kenntnis christlichen Denkens erkennen, als sie sonst bei einem muslimischen Dichter zu erwarten ist.

441) S.33 Man darf auch nicht vergessen, daß eine ganze Anzahl von Frauen zu Rumis Zirkel gehörten; einige seiner Briefe sind voll des Lobes für manche von ihnen. ... oder ein Tanzmädchen, das der Meister aus einem übel beleumundeten Gasthof rettete - sie alle verehrten ihn tief. Die Damen der Gesellschaft veranstalteten Treffen in ihren Häusern; eine von ihnen überschüttete Maulana mit Rosen, wenn er sich im Reigen drehte;.. Spöter half Maulanas Enkeltochter bei der Verbreitung des Ordens.
Rumis zweite Frau, Kira Chatun (†1292), wird als Muster aller Tugenden gepriesen; sie ist die Quelle für viele Legenden.
In seinen Werken hat Maulana freilich die alte asketische Verachtung der Frau in überkommenen Bildern ausgesprochen und folgt meist den üblichen Traditionen über den „angeborenen Schwachsinn des Weibes“. Und doch wußte er, .. daß die Frau nicht Geschöpf, sondern Schöpfer genannt werden könnte. Seine zahlreichen Bilder, die von der Mutter sprechen, weisen auf seine Verehrung des mütterlichen Weibes hin, deren Sorgen er genau kennt.

442) S.48 Neben der tiefen Kenntnis des Koran steht, wiederum selbstverständlich für den mittelalterlichen Theologen, die Kenntnis der Traditionen des Propheten (hadith), die reichlich in Rumis Werk eingeflossen sind und oft in unerwarteter Weise von ihm interpretiert werden.
Daß ein Gebildeter die klassische arabische Dichtung kannte, versteht sich von selbst. Maulanas Werk enthält mancherlei Zitate aus dieser Überlieferung.
Natürlich hatte Rumi die klassischen Handbücher des Sufismus studiert, so Quaschairis (†1074) Risala „Sendschreiben über den Sufismus“, und Imam Ghazzalis (†1111) ihya’’ulum ad-din, „Die Wiederbelebung der Wissenschaften von der Religion“, jenes Handbuch der gesetzestreuen Mystik, dessen Argumentation er an manchen Stellen seines Lehrgedichtes genau zu folgen scheint.
S.56 Worte sind, wie Rumi sagt, wie Kochtöpfe:

Die Zunge gleicht dem Deckel auf dem Topf -
Wenn sie bewegt wird, weißt du, was da kocht.
Denn aus dem Dampf spürt der Gescheite gleich,
Ob’s süße Speise ist, ob saurer Brei.

S.58 So viele Vergleiche Rumi auch erfinden mag, um das Rätsel der Beziehung von Wort und Sinn zu lösen, kehrt er doch immer wieder zu dem Gedanken zurück, daß Worte nur Staub auf dem Spiegel „Erlebnis“ sind, Staub, den der Besen „Zunge“ hervorbringt.
Und doch ist das ganze Mathnawi ein Versuch, den Weg zu diesem inneren Sinn zu zeigen, der verborgen ist wie ein Löwe im Dickicht, wie ein Vogel im Nest.
Rumis .. Poesie ist in einer höheren, organischen Weise logisch, weil er seinem eigenen Wesen, seiner Liebe, seinem Glauben treu bleibt und alles Geschehen diesem inneren Gesetz unterordnet, es ihm entsprechend gestaltet und verdichtet. Da das Objekt seiner Lyrik göttliche Liebe, erlebt durch das Medium eines menschen, ist, kann man oft keine korrekte Übersetzung geben; denn Liebesgedichte und gebet, sehnsuchtsvolle Träumerei und religiöse Vision fließen unmerklich ineinander über.
S.69 Für Rumi ist Gott, so wie Er sich im Koran offenbart hat, Schöpfer und Richter; Er ist der Allbarmherzige und der Herr der Majestät.
Da Gott ein verborgener Schatz war, der erkannt werden wollte, hat Er diese ganze Welt um Seinetwillen geschaffen; jedes Blatt, jeder Vogel, jeder Stein preist schon durch sein Dasein und Sosein Seine Größe in unausgesprochenen Worten und dankt ihm, der die Welt geschaffen hat, sie ernährt und wunderbar erhält, wie es der Koran immer aufs neue betont. Nichts ist, das nicht Seinen Ruhm verkündet (Sura 17/44)

443) S.74 Gott hat die Dinge in Rangstufen geschaffen, die vom unbelebten Mineral bis zum Menschen aufsteigen. ... Denn Vollkommenheit kann nur nach nicht endenwollenden schmerzhaften Perioden der Fermentation erreicht werden ... die von den langen Zeiträumen der Reifung sprechen, ... in der Millionen von niederen Existenzen geopfert werden müssen, bis aus den gestaltlosen Massen der vollkommene Heilige, der Prophet erstehen kann. Diese letzte und höchste Entwicklung aber ist nur durch die Gnade Gottes möglich, ...
S.77 So tun alle Menschen Gottes Werk, wenngleich ohne Kenntnis von Gottes Ziel und mit anderer Absicht.
S.79 Denn der zentrale Gedanke Rumis Weltanschauung ist, daß die Dinge nur durch ihr Gegenteil erkannt werden können - nur der Vogel, der süßes Wasser gekostet hat, weiß, wie bitter das Brackwasser im heimischen Wüstenbrunnen ist.
...; aber jede Erscheinung trägt in sich verborgen ihr Gegenteil: jedes Nicht-Sein hat die Möglichkeit, Sein zu werden; jede Nacht trägt in sich einen Tag, jede Freude ein Leid, und, wie Maulana mit der alten mystischen Tradition des Islam weiß, im finsteren Tal findet man das Wasser des Lebens. Nur ein Auge, das vom göttlichen Licht erleuchtet ist, kennt die bewegende ursache hinter diesem Wechselspiel; ..
Rumis Vertrauen auf die Weisheit und Liebe Gottes, die sich in diesen widerstreitenden Erscheinungen enthüllt, ist grenzenlos. Er weiß, daß nichts ohne Gottes Erlaubnis geschieht, ... und daß vieles, was wie Schaden aussieht, sich auf lange Sicht als Nutzen erweisen wird.
S.89 Rumi hat Gottes Schöpfung, die Welt, in den verschiedensten, oft widersprüchlichen Bildern beschrieben. Wie alle Mystiker, sieht er die Beziehung zwischen Gott und seinen Geschöpfen in einem metahistorischen Akt beschlossen: der Koran berichtet, wie der Herr die noch nicht geschaffene Menschheit aus den Lenden Adams gezogen habe und sie anredete „Bin ich nicht euer Herr?“ und sie antworteten „Ja, wir bezeugen es“. Dieser Urvertrag bildet die Grundlage für seine Vorstellungen vom Menschen und seiner Rolle innerhalb der Schöpfung. Der Schöpfungsakt gleicht der Wanderung lichter Seelen in die dunkle Welt der Materie.
S.101 So beschreibt Maulana die zwiespältige Lage des Menschen, dieses Menschen, der zu Beginn der Zeiten als Gottes Stellvertreter geschaffen wurde, dem das Pfand des freien Willens anvertraut ward, das Himmel und Erde nicht zu tragen vermochten (Sura 33/78), und der sich doch als grausam und dumm erwies. Wie hoch war der Mensch im Anbeginn, und wie tief ist er gefallen!
Rumis ganze Anthropologie ... beruht auf dem Geheimnis des Urvertrages. ... So haben die Seelen durch ihre bejahende Antwort auf Gottes Anrede alle Heimsuchung auf sich genommen, die in Zukunft über sie kommen wird. An ihrer Standhaftigkeit im Leiden wird es sich dann zeigen, wie ernst sie den Urvertrag nahmen. ... Aber der Mensch vergißt allzu leicht sein vorzeitliches Versprechen, und dann kann er den Weg zurück in die verlorene Heimat nur durch Weinen und Reue finden. ... Denn während die Engel durch ihre unwandelbare Weisheit, die Tiere durch ihre Unwissenheit gerettet werden, kämpft der Mensch zwischen Gut und Böse und weiß nicht, wohin es geht. Er vergißt seinen ursprünglichen hohen Rang und bereitet sich durch seine Leichtfertigkeit für die Hölle vor, ..
S.104 Gewiß, nicht jeder, der ein Menschenantlitz trägt, ist ein Mensch, wie Rumi .. seufzt; die Menschen sind so verschieden wie Gefäße mit verschiedenem Inhalt oder wie die Buchstaben des Alphabetes. ... Sie unterscheiden sich in ihrer Haltung zum Leben und zu Gott: ...
Und es gibt auch Menschen, die in weltlichen Dingen aufgehen und sich nicht um die andere Welt kümmern. Sie blicken weder auf den Anfang noch auf das Ende, weil sie außerordentlich leichtsinnig sind; sie sind Futter für die Hölle.
S.109 Der Mensch ist gleich einem Kamel, das den Packsattel „Willensfreiheit“ trägt, und soll daher Gott bitten, diesen Sattel richtig zu verwenden. Rumi weiß sehr wohl, daß die Menschen behaupten, es sei ihr freier Wille, wenn sie etwas gern tun oder wenn ihnen etwas gefällt, während sie Unangenehmes als „Gottes Vorherbestimmung“ bezeichnen.
S.112 Rumi ist überzeugt, daß Gott den Menschen mehr nach seinen Absichten denn nach seinen Taten richten wird ... Wenn der Mensch imstande ist, Gottes Gnade und Güte dankbar zu empfangen, wird dieser Strom göttlicher Huld in ihm zu guten Werken umgeformt. Eine schöne Definition sagt, daß freier Wille der Versuch ist, Gott für seine Großmut zu danken, indem man Gutes tut.

444) S.113 Nicht du hast geworfen, als du warfst, sondern Gott (Sura 8/17).
Auf diesem Weg ist das Zusammensein mit anderen Gläubigen sehr wichtig; denn Der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen.Aus dem verhalten der Mitmenschen erkennt man seine eigenen Eigenschaften und Fehler und kann seinen Charakter korrigieren; dadurch wird der Spiegel des Herzens immer klarer. Jedes Wort, ja jeder Gedanke erzeugt ein Echo, eine Reflexion, ist aber auch gleicherweise ein Echo der Taten und Gedanken der Mitmenschen.
Wenn du einen Fehler in deinem Bruder siehst, so liegt der Fehler, den du in ihm siehst, in dir selbst ... Reinige dich von diesem Fehler in dir; denn was dich in ihm stört, stört dich in dir selbst.
S.115 Maulana meint ..., daß hinter den Sinnen, die der Materie verhaftet sind, eine zweite Ebene sozusagen „geistiger“ Sinne liegt, mit denen der Mensch Zugang zu den höheren Realitäten hat. Der gewöhnliche Leib und die Sinne sind nur eine Hülle ohne tiefere Bedeutung; ...
S.116 Wie alle Mystiker widmet Rumi einen großen Teil seiner erzieherischen Bemühungen der nafs, der Triebseele, jenem Teil des Menschen, der ihn zu niederen oder bösen Handlungen anspornt und ihn jene Werke tun läßt, die ihn der Sinnenwelt verhaften. ... und ihre Zähmung bildet ein Zentralthema der frühen Sufi-Literatur.
Die nafs hat einen Rosenkranz und einen Koran in der Rechten, und ein Schwert und einen Dolch im Ärmel; denn sie überkommt den Frommen, wenn er sich etwas auf seine gottesdienstlichen Leistungen einbildet.
S.118 Die nafs ist aber nur ein Teil des Menschen. Sie wird oft der unwissenden, Bequemlichkeit suchenden Mutter verglichen, während als Vater der Intellekt, ‘aql, erscheint. Jedoch ist Rumis Haltung zum Intellekt wechselnd. Einerseits ist der Intellekt ein Lichtwesen und verhält sich daher zur nafs so wie ein Löwe zu einem blinden Hund. Er ist das männliche Element, das dem Menschen den Weg in lichtere Sphären zeigt, und als solches der Gegensatz zu Lust und Leidenschaft.
(Aber) Wenn die Nacht der Sinne von der Sonne der göttlichen Liebe erleuchtet wird, was braucht man noch den Wächter? In diesem Moment wird der Verstand verschwinden wie die Kerze vor der Sonne; denn wenn man versucht, ihn an Gottes Tor zu bringen, ist der Verstand niedriger als Staub.
Der Verstand ist ausgezeichnet und wünschenswert, damit er dich zur Tür des Königs bringt. Wenn du sein Tor erreicht hast, so gib dich ganz hin und scheide dich vom Verstand; denn in dieser Stunde ist der Verstand nur ein Verlust für dich und ein Straßenräuber! Wenn du den König erreicht hast, ergib dich ihm; dann hast du keine Verwendung mehr für Wie und Warum.
Im allgemeinen beschreibt Rumi den Verstand als eine nützliche, wenn auch etwas schwunglose, erzieherische, lehrende Kraft im Leben. Er ist absolut notwendig, um die Versuchungen der Triebseele zu überwinden, wird aber zunichte vor der Liebe.
S.120 Höher und für Rumi interessanter als der Verstand ist die Seele, ruh, dschan, die die Hausfrau im Hause des Körpers ist. Sie kann auch einem Fenster verglichen werden, das sich zu Gott hin öffnet, so daß seine Briefe, d.h. die Inspiration, hineingelangen können. Solange das Fenster „Seele“ geschlossen bleibt, kann der Mensch nicht an dem großen Wehen des Geistes teilnehmen, das die gesamte geistige Welt durchdringt, ...
Am höchsten steht in Rumis Psychologie das Herz, der Sitz der Liebe. Es ist ein Kind des Leibes, wird aber zu seinem Herrscher, so, wie der Mann vom Weibe geboren wird. Rumi liebt den vergleich des Herzens mit dem Kinde: ..
S.122 Dieses Herz, das rastlos nach dem König sucht, wird am Ende selbst zum Thron Gottes.
Doch bis es soweit kommt, muß es sich mühsamen und peinvollen Reinigungsriten unterwerfen; denn es ist ein Haus in dem kein Götzenbild bleiben darf, damit der göttliche Geliebte eintreten und darin residieren kann.
Der Prozeß der Läuterung, den das Herz erleidet, kann als Zerstörung alles Außergöttlichen gesehen werden: das Herz muß zur Ruine werden, unter der sich dann der kostbarste Schatz, Gott selbst, finden wird. Ich bin mit denen, deren Herzen um Meinetwillen zerbrochen sind.

Die Himmelsleiter

445) S.124
Rumi sah alle menschliche Aktivität, ebenso wie die Entwicklung der Schöpfung, als ständigen Aufstieg zu höheren Ebenen, und wußte als Seelenführer genau, wie wichtig die graduelle Unterweisung des Anfängers ist. ... Wie für die Sufis der klassischen Zeit sind auch für Maulana die rituellen Pflichten des Muslims, die sog. Fünf Pfeiler des Islam, die Grundlage für die Leiter, auf der der Gläubige zum Himmel steigen kann.
S.128 Rumis Vokabular, um Leute zu beschreiben, die dem Wanderer auf dem Pfade zur göttlichen Liebe gefährlich werden können, ist fast unbegrenzt; sie haben „Eselshirn gegessen“, ... Solche Personen soll der Wanderer fliehen; denn sie stehlen seinen Glauben, ...
Unter den Eigenschaften, vor denen man sich besonders hüten muß, steht Gier als Gegensatz zur mystischen „Armut“ an erster Stelle. ... Noch gefährlicher für den Wanderer als die Dummköpfe und die habgierigen Weltkinder sind die Superklugen, vor allem die Philosophen mit ihren Haarspaltereien. Rumi lobt den Intellekt, solange er den Menschen auf dem Wege der Religion führt, aber als Selbstzweck, und getrennt von seinem himmlischen Ursprung, dem Ersten Intellekt, ist er satanisch. ... Sich mit äußeren Wissenschaften zu befassen ist nichts anderes als einen Stall zu bauen, in dem das Vieh ein paar Tage bleiben kann; denn beim Tode werden alle äußeren Wissenschaften und kenntnisse nutzlos sein; nur das Wissen von der geistigen Armut ist erforderlich.
S.131 Für den Anfänger gibt es noch eine andere große Gefahr. Das sind die angeblichen Heiligen, die Sufis, die ihren Kopf rasieren, so daß sie aussehen wie Kürbisse, und mit ihrem hochfliegenden Gerede den armen Besucher so verwirren, daß er sie zunächst für große Weise hält. ... sie reden zuviel, „wie eine Glocke“; sie essen mehr als zwanzig Leute, und sie schlafen wie die Siebenschläfer, ...
S.132 Was ist Sufismus? Er sprach: „Freude finden - Im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt.“
Das aber muß durch Erfahrung gelernt werden, nicht aus Büchern.
S.140 ...: solange der Mensch nicht weint, zeigt sich ihm die göttliche Gnade nicht. Nur durch das geduldige Ertragen der Heimsuchungen entwickelt sich die Seele, weil sie sich ganz zu Gott wendet, wenn alle äußeren Quellen der Hilfe versiegt sind.
S.149 Wer auf seinem Wege ohne Führer wandert, Braucht wohl hundert Jahre für zwei Tagereisen.

445a)S.171 Die läuternde Flamme der Liebe
Nur Liebe, nur Liebe - wir haben sonst kein Werk!
So beschreibt Rumi mit Recht Zentrum und Achse seiner Dichtung. Es war die Erfahrung der verzehrenden und verwandelnden Liebe zu Schamseddin, die ihn zum Dichter gemacht hatte, und alles, was er über die Liebe sagt, ist von diesem Erlebnis des Entflammtwerdens durchdrungen. Für Rumi, wie für seine Vorgänger und Nachfolger auf dem mystischen Pfad, ist irdische Liebe (von den Sufis als „metaphorische“ Liebe bezeichnet) eine Vorstufe für die himmlische, wirkliche Liebe.
S.172 In den 18ooo Welten liebt jeder etwas anderes und ist in irgend etwas verliebt. Die Höhe jedes Liebenden wird durch die Höhe des geliebten Objektes bestimmt. Derjenige, dessen Geliebtes zarter und lieblicher ist, ist auch hervorragender; das heißt, daß derjenige, der Gott liebt, am höchsten steht. Man kann eine solche Liebe im weiteren Sinne auch als Anziehungskraft einerseits, als allgemeine Sehnsucht der Geschöpfe zu höheren Stufen des Seins andererseits ansehen. Die eigentliche Erfahrung der Liebe aber ist dem Menschen, und nur ihm, vorbehalten.
Sumnun (†907): „Man kann ein Ding nur durch etwas beschreiben, das subtiler als das betreffende Ding ist. Nun gibt es aber nichts, das subtiler als die Liebe ist - wie also sollte man sie beschreiben?.“
S.177 Liebe kann nicht durch intellektuelle Anstrengungen beschrieben werden; der Intellekt ist hier wie der Esel, der Bücher trägt (Sura 62/5). ... Intellekt scheint wie ein Dieb, der gehängt werden muß, wenn die Liebe Herrscher des Landes wird.
So wie ein Kind nicht weiß, was Intellekt ist, wissen die mit Intellekt Begabten nicht, was Liebe ist; der Intellekt ist gut als Stock für den Blinden in der Finsternis. Der Sehende braucht aber eine Lampe - und das ist die Liebe oder der Geliebte, in dem der Intellekt wie ein Falter verbrennt.
S.179 Wer anders als die Liebe könnte den Dichter in einen solchen Zustand bringen? Sie redet ihn an:
Ich bin Wind, und du bist feuer,
und ich habe dich entfacht!
S.193 Es gibt keinen Zweifel, daß Liebe und Leiden untrennbar verbunden sind:
Von meiner gebeugten Gestalt auf dem Wege der Liebe
Kann man eine Brücke über meine Tränen machen...
Halladsch prägte das kühne Wort:
„Das Leiden ist Er selbst, während das Glück von Ihm kommt.“

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